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Mahabalipuram

Infos

Mahabalipuram (auch Mamallapuram) ist ein Dorf von ca. 15.000 Einwohnern, in dem man mit Ausnahme eines interessanten Nachtlebens alles für einen guten Aufenthalt findet: Natur, Speisen, Geschichte, Sehenswürdigkeiten, Sandstrand und Ziele in Ortsnähe.

Nicht zu vergessen das etwa 90 km entfernte Auroville, eine auf alternativen Grundideen Sri Aurobindos beruhende Ortsgründung für 50.000 Menschen (derz. ca. 2250 ständige Einwohner), die der Verfasser mangels Kenntnis über das Projekt zu seinem größten Bedauern nicht besuchte.

Des Verfassers Interessen lagen eher jenseits von Sandstrand und Naturbeobachtung.

Nach dem Verfall des Gupta-Reiches, der ersten "gesamtindischen" Dynastie, folgte in Tamil das Geschlecht der Pallava, dessen Blütezeit zwischen dem 5. und 8. Jh. u. Z. liegt. Mahabalipuram war der Handels- und Militärhafen der in der Hauptstadt Kanchipuram ansässigen Pallava-Dynastie. Gewählt wurde dieser 70 Kilometer von der Hauptstadt entfernte Gründungsort, weil in dessen Nähe Gott Vishnu den Dämonenkönig Bali besiegt haben soll. Nahezu in Analogie dazu unternahm Narasimhavarman I. (630 – 688) von hier aus zwei erfolgreiche Kriegszüge nach Lanka (Sri Lanka). Die Pavallas waren kluge Förderer der Landwirtschaft, was zu Produktionsüberschüssen und mehr Steuern führte. Diese wiederum ermöglichten kostspielige Bauten, für die repräsentative und künstlerisch neue Formen gefunden werden sollten. Mahabalipuram wurde mit großer Wahrscheinlichkeit planmäßig zum außerhalb der Hauptstadt gelegenen künstlerischen Experimentierfeld bestimmt.

Bedeutsam für das heutige Erscheinungsbild der in der Liste des UNESCO-Welterbes geführten Tempel war ein Glaubenswechsel der Pallava-Herrscher: die ersten Herrscher (verbindlich nachweisbar ab Simhavarma II.; 535 – 580) waren Anhänger des Jainismus; ab Mahendravarman I. (580 – 630), der unter dem Einfluss des Heiligen Appar zum Shivaismus konvertierte, entstanden nur noch Darstellungen aus dem hinduistischen Bilderkanon. Das erklärt auch, weshalb die meisten Tempel in Mahabalipuram – und Kanchipuram – entweder Shiva oder Vishnu geweiht sind.

 

Video (dt., sehr gut) und Infos        Auroville 1          Auroville 2          Ansichten eines Aurovillers 

 

Video 2                 Video 3                 Video 4                 Video 5                 Video 6         

 

360-Grad-Panorame zu den UNESCO-Stätten als Gang durch den Ort

Küsten-Tempel

(Link)

Während der Herrschaft Rajasimha Narasimhavarman II. (700 - 728) wurde der heute unmittelbar am Golf von Bengalen gelegene - Shiva geweihte - Tempel (Shore Temple) in funktional-religiöser Einheit mit sechs (?) weiteren Tempeln (siehe "Seven Pagodas of Mahabalipuram"), dem Hafen von Mahabalipuram (heute gibt es keinen Hafen mehr) und den zu vermutenden Werften errichtet. Obwohl der Tempel seinerzeit etwas weiter landeinwärts lag, gab es von Anfang an kritische Reaktionen auf die von den Priestern geforderte gefährliche Positionierung am Meer.

Die Kritiker sollten Recht behalten: der Tempel wurde regelmäßig vom Meer überspült; Ablagerungen von Salz und Muscheln bedeckten die Steine; Teile der Umfassungsmauer begannen aufgrund der Landabtragung im Uferbereich und Meer zu versinken. Die zerstörendste Wirkung hatte aber die permanent salzhaltige Briese.

Nach ersten Sicherungsarbeiten noch während der Kolonialzeit begann die Regierung unter Indira Gandhi mit Hilfe englischer Ingenieure und Technik mit der systematischen Sicherung des Tempels. Der von den Engländern übernommene Schutzwall aus Felsbrocken wurde verstärkt, Land aufgeschüttet sowie Sträucher und Bäume gegen die Briese angepflanzt. Zeitgleich entfernten Spezialisten Salz- und Muschelreste.

Während des verheerenden Tsunami, der die indische Küste am frühen Morgen des 26.12.2004 erreichte, hielten die Schutzmauern. Zugleich legte das im zeitlichen Vorlauf bis 500 Meter zurückweichende Waser im Meeresboden versunkene Mauern von mindestens zwei Tempeln frei, die seit 2005 mit Mitteln und Verfahren der Unterwasserarchäologie erforscht werden.

Das heutige Bild des Tempels, insbesondere der Maueranlagen, ist historisch nicht belegt; die vielen Nandi auf den Mauerkronen sind allerdings sehr attraktiv.

Der Verfasser war bei seinem Besuch sehr positiv überrascht von der den Tempel umgebenden Gartenanlage in bestem Pflegezustand, fand er doch 1999 die von lonely planet im Indien-Handbuch, Auflage 1998, S. 1119, gegebene Warnung "... so daß ein Spaziergang am Strand einer Übung im Umgehen von Kothaufen gleicht. ...", bestätigt. Seinerzeit kackten die Männer in der Morgensonne und die Frauen in der Dunkelheit auf dem Landstreifen zwischen der Dorfkante und der Umzäunung des Tempelgeländes.

 

360-Grad-Ansichten          3D-Animation         Video 1        Video 2        

 

Die Fünf Rathas

(Link)

Die Fünf Rathas (Pancha Rathas) sind eine Tempelgruppe, die reichlich einen Kilometer südlich von Mahabalipuram in Strandnähe liegt.

Die Namensgebung folgt dem Epos um die fünf mythischen Pandava-Brüder.

Alle Tempel und die drei Skulpturen wurden zu Lebzeiten des Pallava-Herrschers Narasimhavarmans I. (ca. 630 - 668) in einem Stück aus dem örtlichen Fels geschlagen; es sind also Monolithe.

Zu religiösen Zwecken wurden die Tempel niemals verwendet. Vielmehr stellen sie ein "architektonisches Versuchsfeld" dar: die seinerzeit bestehenden Tempelstile wurden an einem Platz im Maßstab 1:1 realisiert (Bhima-Ratha) und neue Stile entwickelt, die zukünftig richtungsweisend sein sollten (Dharmaraja- und Arjuna-Ratha) oder trotz hervorragender Ästethik in Vergessenheit gerieten (Nakula-Sahadeva-Ratha und insbesondere der Draupadi-Ratha).

 

Video 1 (interessant: bei 2:12 Meinung zum vom Verfasser kritisierten "monument-climbing"           Video 2         

Relief "Herabkunft der Ganga"

(Link)

Das Relief, es soll mit seinen 12 x 33 Metern das größte monolithische Relief der Welt sein, entstand unter dem Pallaver-Herrscher Mahendravarman I. (580 - 630) beidseits eines natürlichen Felsspalts. Oberhalb befindet sich ein Wassersammelbecken. Deshalb wird davon ausgegangen, dass die Pallava-Herrscher zu besonderen Anlässen Wasser über die drei im Spalt befindlichen Schlangen fließen ließen.

In Fachkreisen gibt es neben eher abwegigen Interpretationen des Dargestellten zwei gleichermaßen anerkannte Deutungen:

a) "Herabkunft der Ganga"

b) "Arjunas Buße"

zu a)

Der Weise/Asket Bhagiratha, ein ehemaliger tiefgläubiger und gerechter König, kasteit sich mit dem Ziel, dass die Flussgöttin Ganga zur Erde hinabsteigt, damit er getötete Verwandte reinigen und so von deren Sünden befreien kann. Dabei spielt Shiva eine entscheidenden Rolle: er nimmt den Wassermassen deren die Erde zerstörende Kraft, indem er das Wasser durch seine Haare laufen lässt.

 

zu b)

Arjuna kasteit sich, um Shivas mächtige Waffe, die göttervernichtende Pashupatastra, zu erlangen.

 

Das Relief besticht durch ca. 460 Figuren, die beim spannenden Ereignis dabei sein wollen: Götter im sog. Knieflug, die Schlange Vasuki mit zwei Begleiterinnen, der Stifter des Kunstwerks mit seinen drei Frauen, menschliche und tierische Vertreter des dörflichen Lebens und starke Symboltiere. Köstlich sind die humorvollen Details: eine meditierende Katze; sie entspringt der indischen Fabel "Hüte dich vor falschen Gurus, sie könnten dein Ende sein" aus dem Panchatantra; siehe die dummen  Mäuse um die Friedlichkeit vorgaukelnde Katze. Kann man sich geschütztere Babys als die der Elefanten vorstellen? Worüber mag wohl der Affe meditieren?

Hill-Area

(Link)

Im Dorf Mahabalipuram sowie in den angrenzenden Hügeln - es sind eigentlich riesige Felsen - und dem küstennahen Flachland gibt es mehr als 30 freistehende (Ratha) oder aus dem Felsen herausgearbeitete (Mandapa) Gebetsstätten sowie Zeugnisse des Probierens im Umgang mit Werkzeugen, Felsmaterial, Technologien und religiös-künstlerischen Formen. Ein archäologischer Park, der Eingang fand in die Liste des UNESCO-Welterbes.

 

Vorgestellt werden hier acht Tempel und Mandapas sowie eine geologische Besonderheit, die den Verfasser in besonderer Weise berührten.

 

1. Krishna-Mandapa: ländliche Szenen um Krishna, u. a. Berg Govardhana; das 7. Jh. wird lebendig; der Verfasser denkt, dass man während der Entstehung der Tempelhöhle wohl sehr stolz und zufrieden mit der seinerzeitigen Realität gewesen sein muss; wäre sie anderenfalls dargestellt worden?

2. Panchapandava-Mandapa: nicht fertig gestellter Tempel neben dem Relief "Herabkunft der Ganga"

3. Ganesha-Ratha: Gott Ganesha geweihter fein gearbeiteter monolithischer Tempel.

4. Varaha-Mandapa: dieser Tempel ist Gott Vishnu in der Inkarnation als Eber (Varaha) geweiht; der Tempel befindet sich auf der "Rückseite" des Felsen mit dem Relief "Herabkunft der Ganga".

5. Ramanuja-Mandapa: die Reliefs in dem zwischen 640 und 674 u. Z. zu Ehren Gott Shiva errichtete Tempel wurden später (Vijayanagara-Epoche: 1412 - 1419) von Anhängern Gott Vishnus zerstört; allerdings übersahen die zerstörerischen Anhänger Vishnus eine in den Fels gemeißelte Inschrift, die lautet: "Sechs Mal verflucht seien die, in deren Herzen nicht Shiva wohnt, der Befreier aus dem Wandeln auf dem bösen Weg."

6. Mahishasuramardini-Mandapa: dieser Tempel enthält zwei aussagestarke Reliefs von hervorragender künstlerischer Meisterschaft aus den Mythen um die Göttin Durga (Kampf gegen Mahishasura) sowie um den Gott Vishnu (Ruhelager auf Ananta Shesha); geweiht war der Tempel vermutlich Shiva.

7. Olakkannisvara-Tempel: der einzige nicht-monolithische Tempel in Mahabalipuram; früher vermutlich der wichtigste Orientierungspunkt für Seefahrer.

8. Dharmaraja-Mandapa: gemäß einer Inschrift wurde der Tempel Atyantakama Pallaveshvara Griham benannt und Gott Shiva geweiht; dieser Tempel wurde von König Pallava Parameshvaravarman I. (672 - 700) gebaut; grundlos findet er kaum touristisches Interesse.

9. Krishnas-Butterball: wer sonst, als der freundliche und zu Späßen aufgelegte Krishna, könnte einen Butterball verloren haben?

Am Wegesrand

(Link)

Unterwegs in Mahabalipuram zu sein heißt, allerorten auf das mehr als tausendjährige Handwerk der Steinmetze zu stoßen: von Einmann-Betrieben bis hin zu Manufakturen mit tiefgreifender Arbeitsteilung sowie gut ausgebaute Ausbildungsstätten.

..... und natürlich Shops und Export-Unternehmen.

 

Im Unterschied zum Besuch in 1999 gibt es heute geregelte Arbeitszeiten bei den in offenen Werkstätten oder im Freien arbeitenden Steinmetzen; nicht durchgesetzt vom Staat oder "Gewerkschaften", sondern von der Hotellerie. Lärmschutz der Touristen. Im Jahr 2013 wird gearbeitet von 7.00 Uhr bis 18.00 Uhr. 1999 war es von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Der Verfasser empfand das seinerzeit als ortstypisches Begleitgeräusch. Keinesfalls als störend, sondern als erinnerungswürdig.


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© Lothar Rehle / Erstveröffentlichung: 01.06.2013 /

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